Tuttlingen/Villingen-Schwenningen – Ein Plädoyer für die Nützlichkeit von künstlicher Intelligenz (KI) im Alltag, aber auch ein Statement zu ihren Grenzen setzten die „Gespräche zur Zukunft“ des Technologieverbunds „Technology Mountains e. V.“ (TM) mit KI-Experte Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI): Bei der Online-Veranstaltung erklärte Karger, wo KI heute bereits wertvolle Dienste leistet und welche Wege noch vor uns liegen, um diese Technologie noch besser einsetzen zu können.

Die oft zitierte Bedrohung der Menschen durch eine starke künstliche Intelligenz, wie sie schon oft in Hollywood-Blockbustern wie „Matrix“ oder „Terminator“ beschrieben wurde bleibt wohl Fantasie: Diese beruhigende Perspektive setzte der KI-Experte wohl bewusst an den Anfang seines rund 45-minütigen Vortrags, dem – bedingt durch Pandemie-Beschränkungen – ausnahmsweise online rund 50 Teilnehmer folgten. Die Online-Gäste des Web-Events wurden durch TM-Vorstandsvorsitzenden Dr. Harald Stallforth und Geschäftsführerin Yvonne Glienke ins Thema des Abends eingeführt. Die sinnvolle Symbiose von Mensch und KI, die Stallforth als Thema des Abends umriss, soll nach den Plänen von TM auch in der Region Fahrt aufnehmen, und zwar durch das Projekt KIM-Labs, das Yvonne Glienke eingangs vorstellte. KIM-Labs unterstützt mit unterschiedlichen Veranstaltungsformaten die praktische An-wendung künstlicher Intelligenz in mittelständischen Unternehmen und bietet ein Netzwerk zur Umsetzung eigener Projekte. KI als Werk-zeug des Menschen, nicht als dessen effekt-voll inszenierter Untergang: Das ist die Sicht von Reinhard Karger, der sich seit 35 Jahren mit dem Thema auseinandersetzt: „Künstliche Intelligenz soll den Menschen nicht ersetzen, sondern Werkzeug sein für effizienteres und schnelleres Arbeiten“, so Karger. Diesen Weg schlägt diese Technologieform aktuell auch ein: Assistenzsysteme im Auto, Robotik oder Sicherheitsanwendungen seien die praktischen Ergebnisse. „Ein maschinelles Bewusstsein, das den Menschen überflügelt, wird es vermutlich nie geben – die Leitplanken für solche Systeme bestimmt immer der Mensch“, so Kargers Auffassung.

In welchen gelingenden Bahnen sich die KI als Werkzeug des Menschen bereits bewegt und wo sie noch Schwächen hat, belegte der KI-Experte an zahlreichen Beispielen. So stellte er ein System vor, das Ärzte bei der Diagnose von Demenz in einem frühen Stadium durch Sprachanalyse mit Augenmerk auf spezielle Faktoren wie Sprechpausen, Wortwiederholungen und andere Merkmale unterstützt. „Damit lassen sich invasive Untersuchungsmethoden vermeiden“, bilanzierte Karger den Nutzen des Systems. Ein weiteres, bereits im Einsatz befindliches KI-System sorgt für eine sichere Zusammenarbeit von Mensch und Roboter im Industrieumfeld. So überwacht eine Kamera den Arbeitsbereich eines Roboterarms und verlangsamt dessen Bewegungen drastisch, wenn ein Mensch sich dem Arbeitsbereich nähert: „Das baut das Vertrauen des Menschen in seine Wirksamkeit gegenüber dem Roboter auf und sorgt für einen sicheren und selbstverständlichen Umgang damit.“

Grenzen der Leistungsfähigkeit von Systemen mit künstlicher Intelligenz seien dennoch tag-täglich für jeden erlebbar. So gelinge die automatische Übersetzung von Texten nach wie vor zwar gut, aber nicht perfekt. Ganz versagen würden die KI-Systeme bei Tätigkeiten, die Feingefühl in der Sensomotorik erfordern: „Hotelzimmer werden auch in Zukunft noch Menschen aufräumen und säubern müssen, da fehlt Robotern jedes Fingerspitzengefühl für diese vielfältigen unterschiedlichen Tätigkeiten.“ Und auch die inzwischen häufiger ein-gesetzten „Chat-Bots“, also automatische Antwortsysteme auf Internetseiten, seien oft eher weniger geeignet, weil sie nicht passgenau formulierten Fragen nur unvollkommen verstehen. Kargers Fazit: „Künstliche Intelligenz hat viel Potenzial, es bleibt aber noch viel zu tun.“ Karger verwies auch auf die Aussage des früheren Schachweltmeisters Garri Kasparow, der einst gegen den Computer Deep Blue verloren hatte: So arbeite Künstliche Intelligenz am besten mit normalen Menschen in einem gut gestalteten Prozess zusammen: Starke Persönlichkeiten, die weniger an Teamarbeit gewöhnt sind, würden zusammen mit einer KI schlechter abschneiden.

Die sich anschließende Fragerunde zielte auf die Anwendbarkeit von KI in konkreten Bereichen wie dem Tourismus ab – für Karger ebenso ein mögliches Spielfeld wie viele andere Bereiche des Alltags: „Wichtig ist, dass man sich den Möglichkeiten öffnet und die KI als Unterstützung, nicht als Risiko erkennt. Sie bietet sensationelle Werkzeuge, und wir haben in Deutschland auf diesem Gebiet einen guten Stand.“

Nach dem virtuellen Vortrag lud Technology-Mountains die Online-Besucher auch in eine virtuelle Ausstellung ein, wo sich Partner rund um das Thema Projektkooperation präsentierten. Zud

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