Tuttlingen – Welche Best-Practice-Beispiel und Perspektiven gibt es für nachhaltiges Handeln in der Medizintechnik? Diese Frage wird auf der erstmals stattfindenden “Green Corner Stage” beim 12. Innovation Forum Medizintechnik am 14. Oktober in der Stadthalle Tuttlingen diskutiert. Ein Thema dabei: Einweginstrumente und deren Wiederverwertung.


Rohstoffverbrauch, Energiebilanz, Kohlendioxid-Emissionen: Ressourcen-, Umwelt- und Klimaschutz machen auch vor der Medizintechnik nicht Halt. Die “Green Corner Stage” greift diese Punkte auf, stellt ökologische und ökonomische Ziele gegenüber und vermittelt vor allem Ansatzpunkte, wie “grünes Handeln” in der Praxis umgesetzt werden kann. Als mögliche Strategien werden, wie in anderen Industriebereichen auch, “Effizienz” – also die ergiebigere Nutzung von Material und Energie – und “Konsistenz” im Sinne Wiederverwertung genannt. Aspekte, die beim Innovation Forum am Beispiel von Einweginstrumenten gut dargestellt werden können.

Einer der Diskutanten ist Peter Boss, Geschäftsführer der Scholz Labor- und Klinikversorgungs-GmbH im bayerischen Otterfing. Er setzt sich ebenso leidenschaftlich wie pragmatisch für Einwegprodukte und gegen das Image des Müllverursachers ein. Seit rund 10 Jahren stellt das Unternehmen eine breite Palette an Standardinstrumenten her, und vor 4 Jahren hat es in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie ein eigenes Recycling-System für metallische Einweginstrumente auf die Beine gestellt. Eisen ist zwar deren Hauptbestandteil, vor allem aber “schadet der Abbau von Zuschlagstoffen wie Nickel, Chrom oder Mangan der Umwelt”, führt Peter Boss aus. Ziel ist daher, die Elemente zurückzugewinnen und einem Kreislauf zuzuführen, in dem sie dann “im Grunde unendlich zur Verfügung stehen”.

Die gebrauchten Einweginstrumente der Scholz GmbH werden in den Kliniken separat gesammelt und als “Schrott” an einen Verwerter geliefert. Zurück kommen Metalle, die ohne Einschränkung wiederverwendet werden können. Was auf diese Weise im System verbleibt, kann nicht woanders landen. “Wenn ganze Ozeane voller Plastik sind, sollte man schon überlegen, Edelstahl zu verwenden”, bricht Peter Boss eine Lanze für den Einweg-Werkstoff. Weitere Vorteile sieht er bei Hygiene und Wirtschaftlichkeit, da auf aufwendige, teure und aus seiner Sicht bisweilen unsichere Aufbereitungsverfahren verzichtet werden kann.

Bei aller Begeisterung bleibt Peter Boss jedoch Realist. Zum einen sei die eigene Umweltbilanz nicht optimal, da die Produkte in Übersee bearbeitet werden. Zum anderen gibt es Einschränkungen bei bestimmten Anwendungen, wenn etwa höchste Präzision gefragt ist. Zwar wird die Qualität stetig verbessert, “Einweginstrumente haben im OP aber nichts verloren”, stellt er klar. Das ist auch am Universitätsklinikum Freiburg die Maxime. Es verfügt über mehr als eine Million Mehrweginstrumente, die im Drei-Schicht-Betrieb in der zentralen Sterilgutversorgung aufbereitet werden, so das Klinikum. Fast alle werden in OP-Bereichen verwendet. Einweginstrumente sind dort nicht zu sehen. Deren Einsatz beschränke sich “auf nur wenige Instrumente, die auf den Stationen verwendet werden, zum Beispiel Scheren, Pinzetten oder Klemmen”. Sie werden in industriell gefertigten Einwegsets zur Verfügung gestellt und in speziellen Behältern entsorgt, um anschließend recycelt zu werden.

Diesen Ansatz des Universitätsklinikums würde Peter Boss gerne noch ausgeweitet sehen. Er begrüße eine generelle Recycling-Pflicht und damit mehr Nachhaltigkeit. Andere Branchen sind in dieser Hinsicht weiter: “Jede Kaffeemaschine kann man zurückgeben”, warum also nicht auch Einweginstrumente? Ob auch andere Hersteller dafür grünes Licht geben würden – auf der “Green Corner Stage” darf eine angeregte Diskussion erwartet werden.

Die “Green Corner Stage” bei dem 12. Innovation Forum Medizintechnik beginnt um 14: 00 Uhr im kleinen Ausstellungssaal. Weitere Informationen unter https://innovation-forum-medizintechnik.de/ .

zum Originalartikel